Wochen der Dunkelheit
Die alte Romanfassung beschrieb nach dem Zusammenbruch eine längere Phase anhaltender Dunkelheit, bevor der aktuelle Spielkanon die Ereignisse neu ordnete. Die erste Nacht… wurde nie...
Die alte Romanfassung beschrieb nach dem Zusammenbruch eine längere Phase anhaltender Dunkelheit, bevor der aktuelle Spielkanon die Ereignisse neu ordnete.
Die erste Nacht… wurde nie beendet. Die Minuten der Sonnenfinsternis dehnten sich zu Stunden. Dann zu Tagen. In den ersten 72 Stunden herrschte weltweite Panik. Satellitenbilder zeigten ein gigantisches, halbtransparentes Objekt, das sich wie ein Schleier zwischen Erde und Sonne geschoben hatte gleichmäßig, starr, als sei es mehr als nur zufällige Materie. Als wäre es Absicht.
Internationale Raumagenturen versuchten mit Hochfrequenzimpulsen, Laserkommunikation und sogar mit nuklearen Drohungen Kontakt aufzunehmen. Ohne Erfolg. Das Objekt reagierte nicht. Es wich nicht. Es sprach nicht. Es blieb einfach da. Ein stummer Riese im All.
Während auf der Erde das Licht verschwand, verschwanden auch die Strukturen. Regierungen brachen zusammen, Börsen stürzten ab, Verkehrsnetze kollabierten. Die Menschen irrten durch Städte, die in ewiger Dämmerung lagen, während der Strom rationiert wurde und Nahrung zu verderben begann. Kinder fragten, wann die Sonne zurückkommen würde. Erwachsene wussten es nicht.
In den ersten Tagen dachte man, es sei ein vorübergehendes Phänomen. Doch nach zwei Wochen wurde klar: Das ist kein Naturereignis. Es ist ein Zustand. Ein neues Kapitel der Erdgeschichte hatte begonnen.
Die Pflanzen begannen zu sterben doch dann geschah etwas Seltsames.
Zunächst vereinzelt, dann massenhaft, sprossen aus Ritzen in Mauern, aus zerbrochenem Asphalt und aus Feldern seltsame Gebilde: Pflanzen, die keiner irdischen Klassifikation entsprachen. Ihre Blätter leuchteten silbrig, ihre Stängel schienen zu pulsieren. Sie öffneten sich nur bei völliger Dunkelheit Mondpflanzen, wie man sie später nannte. Wissenschaftler stritten über ihre Herkunft. Mutation? Biologische Antwort auf den kosmischen Schatten? Oder etwas, das immer schon da war, nur bisher vom Sonnenlicht unterdrückt?
Auch Tiere begannen sich zu verändern. Insekten vermehrten sich in nie dagewesenem Ausmaß. Vögel verstummten. Hunde und Wölfe bildeten Rudel, die sich durch die Städte zogen heulend, suchend. Schlaflosigkeit wurde zur neuen Epidemie. Die Menschen verlernten, ihren inneren Takt zu hören. Traum und Wirklichkeit verschmolzen. Schlafwandelnde wurden zu nächtlichen Erscheinungen, die ziellos durch die Straßen glitten oft stumm, oft lächelnd.
Es entstanden neue Mythen, neue Kulturen. Einige betrachteten das Objekt als göttliches Zeichen. Andere als Waffe. In den Ruinen alter Machtzentren begannen sich neue Gruppen zu organisieren sektenhafte Kollektive, die die Dunkelheit umarmten und ihre Anhänger lehrten, im Schatten zu sehen.
Technologie musste sich anpassen. Nachtbrillen wurden Alltag. Autos fuhren mit Infrarot. Scheinwerfer durchbrachen die ewige Finsternis, doch das Licht wirkte wie eine Lüge grell, falsch, zu grell für eine Welt, die die Sonne verloren hatte.
Zwischen diesen Menschen wohnte Jordan Bennett. Er saß am Computer an seinem kleinen, wackeligen Schreibtisch, der in einer Ecke seines dunklen Apartments stand. Um ihn herum war der Raum vollgestellt mit alten Büchern, vergilbten Zeitungsartikeln und einem Durcheinander von Notizen, die sich wie ein chaotisches Spinnennetz über jeden freien Zentimeter ziehen.
Inmitten dieses Labyrinths aus Papier lag seine neueste Erfindung: die Monduhr. Es ist ein absurdes Konzept, geboren aus seinen endlosen Grübeleien über die Finsternis, die die Welt um ihn herum verschlungen hatte. Eine Uhr, die das schwache Mondlicht einfing und die Zeit auf eine Weise maß, die für die neue, dunkle Welt Sinn machen sollte.
Jordan betrieb ein Blog namens „Hinter dem Schleier“, in dem er Fragen stellte, die andere nicht zu stellen wagten, über geheime Regierungsprojekte, unerklärte Phänomene und gesellschaftliche Manipulation. Dabei legte er großen Wert darauf, sorgfältig zu recherchieren und Theorien zu hinterfragen, bevor er sie veröffentlichte.
Er glaubt daran, dass die Wahrheit immer irgendwo da draußen ist, sie muss nur hartnäckig genug gesucht werden. Doch sein Leben ist oft einsam, denn seine Überzeugung führt dazu, dass viele ihn meiden oder belächeln.
Jordan Bennett wusste, dass es Dinge gab, die die meisten Menschen nicht sehen wollten oder nicht sehen konnten. Die Welt war ein verworrenes Netz aus Lügen, Illusionen und Täuschungen, und er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den Schleier zu zerreißen. Sein Blog, Hinter dem Schleier, war nicht nur ein Hobby, sondern eine Mission. Ein Kreuzzug gegen die kollektive Blindheit, die sich wie eine Krankheit über die Menschheit gelegt hatte.
Doch mit der Wahrheit zu spielen war wie mit Feuer zu jonglieren. Und irgendwann verbrennt man sich. Jordan war kein Sensationsmacher, kein paranoider Wahnsinniger, der an jede absurde Theorie glaubte. Er war ein Suchender, ein Jäger des Verborgenen.
Und er wusste, dass es da draußen etwas gab, das sich in den Schatten bewegte. Etwas, das nicht entdeckt werden wollte. Je tiefer er grub, desto häufiger spürte er es dieses Gefühl, beobachtet zu werden, als ob eine unsichtbare Präsenz in der Dunkelheit lauerte.
Seine Recherche führte ihn an die Grenzen der Vernunft. Geheime Regierungsprojekte, Experimente an Menschen, verschwundene Orte, verschlüsselte Botschaften in harmlos wirkenden Nachrichten. Immer wieder tauchten dieselben Symbole auf, dieselben Namen, dieselben Warnungen. Die Wahrheit war kein stilles Gewässer sie war ein Strudel, der alles hinabzog, was sich ihm näherte.






