INFERNUM 7
Vielleicht liegt die Hölle nicht unter uns. Wir haben den Mond betreten. Wir haben Sonden an die Grenzen unseres Sonnensystems geschickt. Doch nur wenige Kilometer...

Vielleicht liegt die Hölle nicht unter uns.#
Wir haben den Mond betreten.
Wir haben Sonden an die Grenzen unseres Sonnensystems geschickt.
Doch nur wenige Kilometer unter unseren eigenen Füßen beginnt eine Welt, über die wir erstaunlich wenig wissen.
INFERNUM 7 beginnt mit genau diesem Gedanken.
Professor Edmund Sterling will eine Grenze überschreiten, die bislang kein Mensch überwunden hat. Gemeinsam mit dem Mechaniker Damien Keller und dem Protokollanten Oliver Pike reist er in einem gewaltigen Bohrfahrzeug immer tiefer unter das antarktische Eis.
Die Maschine trägt den Namen:
Infernum 7.
Ein stählernes Ungetüm mit einem Bohrkopf wie das Maul eines Drachen.
Die Männer erwarten Gestein.
Vielleicht unbekannte Hohlräume.
Vielleicht eine wissenschaftliche Sensation.
Was sie finden, ist eine Zivilisation.
Und von diesem Moment an geht es nicht mehr darum, was unter der Erde verborgen liegt.
Sondern darum, was Menschen mit sich bringen, wenn sie einen unbekannten Ort betreten.
DREI MENSCHEN STEIGEN HINAB#
Sterling, Keller und Pike sind keine klassische Heldengruppe.
Jeder von ihnen besitzt etwas, das für die Expedition notwendig ist.
Und jeder trägt gleichzeitig eine Schwäche mit sich.
Sterling besitzt das Wissen. Er erkennt Gefahren früher als die anderen, zweifelt jedoch so sehr an sich selbst, dass seine Erkenntnis kaum noch Handlungskraft besitzt.
Keller besitzt die Hände. Er versteht Mechanik, Werkzeuge und Konstruktion. Er kann Dinge erschaffen – aber nicht immer erkennen, was seine Schöpfungen gesellschaftlich auslösen.
Und Pike besitzt die Geschichte.
Er dokumentiert.
Filmt.
Schreibt.
Beglaubigt.
Was zunächst fast komisch wirkt, entwickelt sich zu einer der unangenehmsten Ideen des Buches:
Wer dokumentiert, entscheidet irgendwann vielleicht auch darüber, was als Wahrheit übrigbleibt.
Als Sterling verschwindet, wartet Pike nicht auf Gewissheit.
Er trägt ihn aus dem Protokoll aus.
Auf Papier ist Sterling damit beinahe verschwunden.
Pike beobachtet die Realität nicht länger nur.
Er beginnt, sie zu schreiben.
DER METALL-DRACHE#
Infernum 7 ist dabei weit mehr als ein Fahrzeug.
Zu Beginn ist die Maschine ein Werkzeug menschlicher Neugier.
Dann wird sie zum Metall-Drachen, der sich durch die Erde frisst.
Für die unterirdische Bevölkerung wird sie schließlich zu etwas Göttlichem.
Sie kennen keine vergleichbare Technologie. Als Keller erklärt, dass er die Maschine gebaut hat, und Pike behauptet, sie erfunden zu haben, entsteht aus einer technischen Tatsache plötzlich eine religiöse Frage:
Wer besitzt eine Schöpfung?
Derjenige, der sie gedacht hat?
Oder derjenige, der sie gebaut hat?
Eine scheinbar einfache Frage genügt.
Und eine Gesellschaft, die zuvor gemeinsam gearbeitet, gemeinsam gegessen und Besitz kaum gekannt hat, beginnt sich zu teilen.
EINE WELT, DIE DEN STREIT NOCH NICHT KANNTE#
Das eigentlich Beunruhigende an der unterirdischen Zivilisation ist zunächst, wie wenig bedrohlich sie wirkt.
Menschen und Riesen arbeiten gemeinsam.
Kinder und Alte werden versorgt.
Steine werden zusammen getragen.
Eine gewaltige Spinne bewegt sich über der Baustelle und zieht Fäden durch die Konstruktion.
Für einen Menschen sieht sie aus wie ein Monster.
Für die Bewohner ist sie etwas vollkommen anderes:
ein Bauleiter.
Ihre Fäden sind Baupläne.
Ihre Bewegungen sind Anweisungen.
Sie gehört zur Ordnung dieser Welt.
Erst die Menschen bringen eine neue Perspektive hinein.
Und mit dieser Perspektive neue Begriffe:
Eigentum.
Urheberschaft.
Macht.
Gefolgschaft.
König.
DIE PYRAMIDE#
Im Mittelpunkt dieser Gesellschaft steht eine unvollendete Pyramide.
Zu Beginn ist sie ein gemeinsames Projekt.
Alle arbeiten daran.
Niemand besitzt sie.
Dann entstehen zwei Lager.
Und plötzlich verändert sich auch die Bedeutung des Gebäudes.
Die Pyramide wird zur Grenze.
Steine, die vorher gemeinsam gesetzt wurden, werden gestohlen.
Menschen, die nebeneinander arbeiteten, stehen sich gegenüber.
Ein Bauwerk, das eine Gemeinschaft verbinden sollte, wird zu jener Linie, die sie voneinander trennt.
Das Gebäude verändert sich dabei nicht.
Nur die Menschen verändern die Bedeutung, die sie ihm geben.
WENN AUS EINEM BAULEITER EIN MONSTER WIRD#
Als die Arbeiten an der Pyramide zum Erliegen kommen, reagiert die Spinne.
Sie fordert die Fortsetzung des Baus.
Keller interpretiert ihr Verhalten als das, was es zuvor immer gewesen ist:
Aufsicht.
Pike nennt es:
Tyrannei.
Und damit beginnt etwas, das INFERNUM 7 immer wieder untersucht:
Nicht nur Ereignisse bestimmen, was Menschen glauben.
Auch die Person, die ihnen erklärt, was diese Ereignisse bedeuten.
Pike erschießt die Spinne.
Und plötzlich ist er kein Dokumentarist mehr.
Er ist Befreier.
Held.
König.
Besonders bitter ist dabei seine Sprache.
Er ruft nach Freiheit.
Nach Demokratie.
Nach dem Ende der Unterdrückung.
Und kurz darauf verlangt er, dass die Bevölkerung eine gigantische Statue von ihm errichtet.
Die gemeinsame Pyramide verschwindet.
An ihre Stelle tritt das Abbild eines einzelnen Mannes.
VOM GEMEINSAMEN WERK ZUM DENKMAL#
Vielleicht steckt genau darin eines der stärksten Bilder von INFERNUM 7.
Die Pyramide ist unvollendet.
Pikes Statue dagegen soll sofort entstehen.
Das eine Bauwerk verlangt Zusammenarbeit über Generationen.
Das andere verlangt lediglich Verehrung.
Aus:
„Wir bauen etwas.“
wird:
„Baut etwas für mich.“
Und genau in diesem kleinen Unterschied steckt der Zusammenbruch einer ganzen Gesellschaft.
DIE FREMDE MACHT GREIFT EIN#
Über der Stadt erscheinen schließlich UFOs.
Ihre Insassen kommen nicht wie rachsüchtige Götter.
Sie kommen beinahe erschreckend sachlich.
Sie messen.
Sie prüfen.
Sie vergleichen Baupläne.
Sie markieren Strukturen.
Was für die Bewohner wie ein übernatürliches Tribunal wirkt, erinnert gleichzeitig an eine technische Inspektion.
Dann hinterlassen die Fremden geheimnisvolle Objekte in der Stadt.
Ausgerechnet Pike interpretiert sie als Geschenke.
Als Anerkennung.
Als seine Krönung.
Er sieht darin genau das, was er sehen möchte.
Und handelt entsprechend.
Die Konsequenz vernichtet beinahe die gesamte Zivilisation.
Nicht weil jemand Pike angelogen hat.
Sondern weil seine eigene Bedeutung für ihn längst wichtiger geworden ist als die Möglichkeit, dass er etwas nicht versteht.
DER DRACHE VERÄNDERT SICH EIN LETZTES MAL#
Am Ende bekommt Infernum 7 noch einmal eine völlig neue Bedeutung.
Die Maschine war:
ein Forschungsgerät.
Dann ein Drache.
Dann ein Gott.
Dann ein Gefängnis.
Und schließlich wird genau dieses Gefängnis zum Schutzraum, der Keller und seine Anhänger vor der Vernichtung bewahrt.
Der Metall-Drache, mit dem die Menschen die Welt unter ihnen gewaltsam geöffnet haben, ist am Ende das Einzige, das einige von ihnen am Leben hält.
Doch selbst diese Rettung führt nicht automatisch zu Erkenntnis.
Keller erhält die Möglichkeit, zur Oberfläche zurückzukehren.
Sterling lebt.
Hilfe könnte kommen.
Keller schaltet das Funkgerät ab.
Denn inzwischen hat auch er verstanden, welche Macht ein Mann besitzt, wenn niemand mehr über ihm steht.
Damit verweigert INFERNUM 7 seinem Leser einen einfachen Schuldigen.
Pike war nicht das Problem, weil Pike außergewöhnlich böse war.
Das System kann einen neuen Pike hervorbringen.
WO ALSO LIEGT INFERNUM?#
Der Titel verspricht die Hölle.
Die Expedition sucht sie tief unter der Erde.
Doch dort unten finden die Menschen zunächst keine Dämonen.
Sie finden eine Gesellschaft.
Eine Baustelle.
Eine Gemeinschaft.
Und etwas, das funktioniert.
Erst mit ihnen kommen Besitzansprüche, Lagerbildung, politische Sprache, Heldenverehrung und schließlich Gewalt.
Vielleicht bezeichnet INFERNUM 7 deshalb am Ende gar keinen Ort.
Vielleicht ist die Hölle nicht die Tiefe, in die die Menschen hinabsteigen.
Vielleicht ist sie das, was sie mit hinunterbringen.
INFERNUM 7 – APOCALYPTICAL STORY ist eine Science-Fiction-Horror-Erzählung über Entdeckung, menschliche Hybris, Besitz und die erstaunliche Geschwindigkeit, mit der aus einer gemeinsamen Idee zwei Wahrheiten entstehen können.
Eine Geschichte über drei Männer, die glauben, eine fremde Welt zu entdecken.
Und über eine fremde Welt, die vielleicht besser daran gewesen wäre, niemals von ihnen entdeckt zu werden.






