PACTUM ASTRALIS – Apocalyptical Story

Intro

Pactum Astralis

Die Asterion-7 war nie für Heimwege berühmt. Ein Langstrecken-Aufklärer, gebaut, um Kälte zu kartieren: Staubdichten im Kuipergürtel, Trümmerbahnen, schwache Infrarotflackerer, die nur dann erscheinen, wenn niemand hinsieht. Drei Mann Besatzung, dann zwei, dann einer. Der Plan nannte es Staffelabzug, die Daten nannten es Routine.

Kassian Rief blieb, weil er der war, der bleibt. Forscher, Pilotenlizenz, biographisch sauber. In ihm lebte das Talent, aus Geräusch Bedeutung zu sieben. Genau das brauchte die Mission, als die Sensorik Tage in Folge Gravitationsrauschen meldete: keine Linie, kein Kreis. Eine Welle, die kam und ging, als atmete jemand hinter dem Eis.

Die Bahnkorrektur war klein. 0,37 Meter pro Sekunde seitlich, kaum die Mühe wert, sie ins Log zu tippen. Triebwerk C zündete zu lang, siebzehn Millisekunden nur, aber draußen macht Zeit schlechte Witze. Die Asterion-7 glitt in einen Resonanzkorridor aus Staub, Feld und Stille. Der Himmel daneben wurde ungenau.

Erst waren da Zahlen, die nicht mehr passten. Dann Schatten, die massenhaft waren, aber nicht leuchteten. Ein Körper ohne Albedo, geschützt hinter der Sonnenblende der Welt: Nibiru als Gravitationsbild – die Leere krümmt, nicht das Licht.

Die Welle kam zurück. Kein Alarm, kein Donner. Ein langes Ziehen, wie Ebbe, nur dass Ebbe in der Leere kein Wasser findet. Das Schiff knarrte, als hätte es Holz. Displays wehten in sanften Drift. Ein Ton im Rumpf ließ die Luft alt werden.

Kassian rechnete. Δv, Perizentrum, Ausweichfenster. Alles da. Er tastete das Manöver über die Sticks, sanft, exakt, zu spät. Denn Nibir u war kein Punkt, sondern ein Feld, verworfen, geschichtet, geduldig. Und Felder haben keine Kanten, an denen man „Stopp“ sagt.

Die Asterion-7 drehte das Gesicht zum Unsichtbaren. Dahinter lag Atmosphäre. Nicht seine. Eine Ätherhaut, dünn, aber real, getragen von einem System aus Kanälen, Monden, Zeiten. Der Rumpf zischte, Kontrakttinte über dem Hauptschirm zeichnete Punktwolken. Was fehlte, war Funk. Die Erde antwortete mit Stille und Protokoll.

„Bei unvorhergesehenen Annäherungen“, heißt es in den Manualen, „hat Leben Vorrang.“

Nibiru hatte eigene Manuale. Ältere. Juristische.

Als die Sonde sich setzte, hatte er bereits Gastrecht. Und Auflagen. Die erste lautete: „Berühre niemanden.“

Die zweite: „Atme.“

Kapitel 1: Der Flug

Ankunft unter Vorbehalt

Die Asterion-7 trieb am Rand des Sonnensystems. Metall im Vakuum, kaum größer als ein Wohnblock, gebaut für Kartographie und Stille. Kassian Rief war der einzige, der noch an Bord war. Die Rotation der Schichtpläne hatte die anderen zurückgerufen. Er blieb. Der Auftrag nannte es Restmission. Für ihn war es eine Verlängerung ohne Ziel.

Seine Tage bestanden aus Listen. Sauerstoffverbrauch. Radiowellenprotokolle. Staubdichten im Kuipergürtel. Manchmal schrieb er Kommentare dazu, als müsse er der Erde beweisen, dass noch jemand hinsah. Die Funkfenster waren selten, die Antwortzeiten noch seltener. Stunden konnten vergehen, bis ein Satz zurückkam. Tage, bis eine Entscheidung durchdrang. Meist blieb nur Rauschen.

Die Kabine hatte die Größe eines Flurs. Zwei Betten, eins leer. Ein Tisch, der nicht wackelte, aber Erinnerungen wackeln ließ. Über dem Sichtschirm kein Himmel, nur Daten: Temperatur, Strahlung, G-Kräfte, Partikel. Zahlen, die eine Welt ersetzten. Die Stille füllte alles, als sei sie selbst ein zweiter Passagier.

Kassian notierte weiter. Er war gründlich. Jeder Wert musste stimmen, auch wenn niemand sie je lesen würde. Er hörte auf die kleinsten Veränderungen. Ein Summen in den Leitungen, das wie Atem wirkte. Ein metallischer Hall, wenn die Triebwerke die Richtung hielten. Er wusste, wie sich die Asterion-7 anhörte, wenn sie gesund war. Und er wusste, wann sie schwieg.

Schlaf kam unruhig. Er träumte von Flüssen, die er nie gesehen hatte, und von Städten, die er aus Karten kannte. Wenn er erwachte, blieb nur das harte Weiß der Anzeigen. Essen war Paste, Wasser war destilliert, Zeit war ein Kreis aus Checklisten. Die Uhren liefen korrekt, doch im Kopf verschob sich das Maß. Minuten dehnten sich zu Räumen, Stunden falteten sich zu Rissen. Der Kalender an der Wand war längst nicht mehr glaubwürdig.

Er sprach manchmal laut, um zu hören, ob die Stimme noch gehörte. Keine Antwort. Nur das Echo im Metall. Er stellte sich vor, wie weit die Erde entfernt war, und dass selbst ein Schrei sie nie erreichen würde. Dann schrieb er weiter, als sei alles normal. Routine war das Einzige, das blieb. Routine und die endlose Dunkelheit, die jenseits des Sichtschirms wartete.

Kapitel 2: Störungen

Wenn die Unnahbaren erscheinen

Die Tage auf der Asterion-7 hatten keinen klaren Anfang mehr. Kassian wachte nicht auf, er wechselte nur von einer Schicht der Müdigkeit in die nächste. Der Bordcomputer meldete die Uhrzeit, doch sie war bedeutungslos. Der Körper verlor den Rhythmus, wenn Sonnenaufgänge fehlten. Ein Tag konnte sich dehnen wie eine Spirale, und doch blieb er gefangen in den Anzeigen, die immer dieselben Werte blinkten.

Er hielt sich an Gewohnheiten. Frühstück bestand aus einer grauen Paste mit Nährstoffen, die er mit Wasser mischte, das durch Filter endlos recycelt wurde. Der Geschmack war neutral, fast wie Kreide, aber er redete sich ein, dass der Körper zufrieden war. Danach folgte eine Stunde Training an den Gurten, damit Muskeln nicht schmolzen. Jeder Zug an den Bändern knirschte durch den Rumpf, als wolle das Schiff mittrainieren.

Danach schrieb er Protokolle. Sauerstoffsättigung. Strahlungswerte. Position relativ zu den äußeren Planeten. Er notierte jede Abweichung, selbst wenn sie im Bereich der Messungenauigkeit lag. Es war die einzige Form, in der Zeit noch Sinn ergab. Ein Bericht bedeutete, dass der Tag existiert hatte.

Die Erde antwortete selten. Wenn ein Signal durchkam, war es wie ein Gruß aus einer anderen Epoche. Zwischen Frage und Antwort lagen Stunden, manchmal Tage. Kassian begann, die Pausen wichtiger zu nehmen als die Worte. Stille bedeutete, dass er allein war. Stimmen bedeuteten, dass er vergessen wurde, aber nicht völlig.

Dann begann das Rauschen.

Es war zuerst nur ein Stottern im Funk, als hätte ein Stern Wind geschickt, der durch die Leitung peitschte. Kassian stellte die Antenne neu aus, überprüfte die Senderichtung, aktivierte Ersatzmodule. Alles funktionierte, doch die Stimme der Erde brach mitten im Satz ab. Es blieb ein Ton, hoch und anhaltend, als würde jemand eine Saite berühren und sie nicht mehr loslassen.

Er nahm es ernst. Notierte Uhrzeit und Dauer, zeichnete das Spektrum auf. Einmal, dann zweimal, dann wieder. Als er die Daten übereinanderlegte, sah er, dass sie sich wiederholten. Keine Zufallsstörung. Ein Rhythmus.

Die Routine bekam Risse. Beim Training spürte er den Ton in den Metallgurten. Beim Essen vibrierte der Löffel in der Hand. Selbst im Schlaf drang er durch, wie ein Herzschlag, der nicht sein eigener war.

Er versuchte es zu erklären. Sonnenwinde. Magnetische Schichten. Fehlerhafte Filter. Aber die Werte blieben sauber. Alles korrekt, und doch war da etwas, das nicht hineinpasste.

Einmal verlor er kurz die Orientierung. Der Bordcomputer meldete, dass sich die Asterion-7 im Kurs befand, doch die Sterne vor dem Sichtschirm standen nicht dort, wo er sie erwartete. Es war nur ein minimaler Unterschied, aber Kassian spürte ihn wie eine Unstimmigkeit in einem Lied.

Die Nächte wurden länger. Er schlief weniger, schrieb mehr. Seine Berichte wurden dichter, voller Zahlenkolonnen und Randbemerkungen. Er begann, Linien zu ziehen, als wolle er Muster sichtbar machen. Bald sah er darin etwas, das kein Zufall sein konnte. Die Störungen kamen in Intervallen, fast pünktlich, als würden sie ihn rufen.

Einmal schaltete er den Funk ganz ab, um Ruhe zu haben. Doch der Ton blieb. Nicht aus den Lautsprechern, sondern aus dem Rumpf selbst. Metall vibrierte, als wäre es in einem Feld gespannt.

Er legte die Hand an die Wand. Ein Zittern lief durch die Haut der Maschine. Kein Defekt, kein Alarm. Nur das Gefühl, dass etwas draußen war und ihn berührte.

Am nächsten Tag fiel das Licht im Kabinengang für Sekunden aus. Nicht alles, nur ein Streifen. Er überprüfte die Leitungen, fand keine Ursache. Doch es geschah wieder, genau zur selben Stunde, als der Ton zurückkehrte.

Kassian schrieb den Bericht mit einer Härte, die fast Trotz war. „Störung wiederholt. Ursache unklar. Rhythmus bestätigt.“ Er wusste, dass niemand rechtzeitig antworten würde.

Die Asterion-7 war nicht kaputt. Sie war gesund. Zu gesund, um so zu klingen.

Das Rauschen im Funk wurde zum Begleiter. Er hörte es beim Zähneputzen, beim Dehnen, selbst beim Einatmen. Ein Geräusch, das nicht ging. Ein Ton, der sich in den Alltag setzte wie eine zweite Uhr.

Kassian wusste, dass es mehr war als eine Störung. Er war sicher, dass etwas draußen war. Unsichtbar, massenhaft, aber nicht leuchtend. Eine Anwesenheit, die sich noch nicht zeigte, aber ihn längst gefunden hatte.

Kapitel 3: Der Planet

Ein Ort für Geschichten und Geflüster

Die Störungen hatten sich zu einem Muster verfestigt. Jede Messreihe zeigte dieselben Abweichungen, als würde jemand mit einer unsichtbaren Hand an der Bahn der Asterion-7 ziehen. Kassian wusste, dass es kein Zufall mehr war.

Er schaltete die Primärsensoren in den erweiterten Modus. Normalerweise lieferten sie eine klare Karte des Sternenfeldes, doch jetzt flackerten die Anzeigen, als könne das Schiff nicht entscheiden, was es sah. Zwischen den fixen Punkten der Sterne tauchte ein Schatten auf. Kein Licht, keine Reflexion, nur das Fehlen von allem.

Ein schwarzer Körper, der die Karten verschluckte.

Kassian ließ den Autopiloten rechnen. Die Antwort war eindeutig. Es war kein Nebel, keine Wolke, kein Trugbild. Die Masse hatte Gravitation. Stark genug, um ihn anzuziehen, doch nicht so stark, dass Flucht unmöglich war. Der Kurs führte direkt daran vorbei. Er hätte nur die Triebwerke zünden müssen, um sich zu befreien. Stattdessen blieb seine Hand still.

Er wollte sehen, was es war.

Stunden vergingen, während die Anzeigen die Konturen verdichteten. Der Körper war kein Asteroid. Zu groß, zu gleichmäßig. Keine Spur von Kratern oder Bruchstellen. Stattdessen glitt die Oberfläche wie aus einem einzigen Material gefertigt durch das Dunkel. An den Rändern schimmerte ein blasses Leuchten, als ob Atmosphäre vorhanden war.

Er stellte die Kameras scharf. Strukturen wurden sichtbar. Linien, die wie Kanäle verliefen, Netzwerke, die sich über die gesamte Oberfläche spannten. Es wirkte nicht wie zufällige Geologie. Es wirkte geplant.

Kassian aktivierte die Außenmikrofone. Kein Geräusch, nur das Summen, das er seit Tagen hörte, jetzt lauter, klarer, rhythmischer. Es war, als würde der Planet selbst sprechen, ohne Stimme, aber mit Schwingung.

Die Erde blieb stumm. Keine Antwort auf seine Berichte. Kein Hinweis, ob er fortfahren oder abbrechen sollte.

Er entschied sich.

Die Asterion-7 senkte die Umlaufbahn. Dichtewerte der Atmosphäre erschienen auf dem Display. Sauerstoff war nachweisbar. Stickstoff. Spuren, die atembar wirkten. Es war unmöglich, aber die Zahlen standen fest.

Der Anflug dauerte sechs Stunden. Kassian blieb wach, starrte auf die Anzeigen, korrigierte die Bahn nur minimal. Der Planet füllte den Sichtschirm aus. Blaugrün leuchtende Flächen wechselten mit dunklen Strömungen, die wie Ozeane wirkten. Über allem ein Himmel, der nicht leer war, sondern voller Lichter, die wie Spiegelungen in Bewegung standen.

Beim Eintritt in die Atmosphäre glitt die Asterion-7 nicht wie durch Luft, sondern wie durch Wasser. Ein weiches Drängen umschloss den Rumpf, ließ ihn langsamer werden, ohne dass die Hülle brannte. Die Anzeigen meldeten Druck, aber keine Gefahr.

Kassian atmete flach. Vor ihm lag eine Landschaft, die er nicht in Worte fassen konnte. Kanäle aus Licht, die sich durch Flächen zogen, als wäre der Planet von Adern durchzogen. Strukturen, die wie Städte wirkten, aber nicht aus Stein, sondern aus organischem Material. Häuser, die sich bewegten, als hätten sie Lungen.

Er suchte nach einem geeigneten Landeplatz. Die Systeme boten eine flache Ebene an, doch dort wirkte der Boden unruhig, als wollte er niemanden tragen. Stattdessen wählte Kassian eine breite Fläche an einem Wasserlauf, der wie Glas schimmerte.

Die Asterion-7 senkte sich langsam. Kein Aufprall, kein Ruck. Der Boden nahm sie auf, als hätte er gewartet. Die Anzeigen zeigten Werte, die stabil blieben. Außenkamera: feuchter Grund, schimmernde Oberflächen, in denen Muster liefen, als schrieben sie sich selbst.

Kassian löste die Sicherungen. Zum ersten Mal seit Wochen stand er nicht mehr nur in einem Raum, sondern an einer Schwelle. Er wusste, dass kein Protokoll für diesen Moment existierte.

Er öffnete die Schleuse.

Die Luft drang hinein. Kalt, fremd, aber rein. Kein Rauch, kein Staub, kein Gestank. Sie schmeckte wie Salz und Metall zugleich.

Kassian setzte den Fuß auf den Boden. Er gab leicht nach, als wäre er lebendig, hielt ihn aber.

Vor ihm breitete sich der fremde Planet aus. Keine Notlandung, keine Flucht. Eine Entscheidung. Er wollte wissen, was es war.

Und der Planet antwortete mit Stille, die lauter war als jedes Signal.

Kapitel 4: Orion Medical

Wo Dunkelheit nicht mehr anonym ist

Der Absturz begann mit einem Riss im Himmel. Die Atmosphäre nahm die Asterion-7 nicht auf, sie stieß sie zurück. Flammen zogen an den Schirmen vorbei, Anzeigen sprangen von grün auf rot, Triebwerke schrien, bis sie verstummten. Kassian zog an der Steuerung, korrigierte, doch der Kurs brach in sich zusammen.

Der Aufprall war kein Geräusch, sondern ein Zerschneiden der Welt. Metall brach, Module lösten sich, Feuer zischte im Vakuum. Der Gurt hielt ihn, aber die Wucht presste ihn in die Liege, bis das Bewusstsein zerbrach.

Als er die Augen öffnete, lag er nicht mehr in der Asterion-7.

Er lag in einem Raum aus Glas und Licht. Über ihm schwebten Linien, die sich verschoben, wenn er blinzelte. Der Boden pulsierte unter ihm, als hätte er Adern. Der Geruch war scharf und sauber, wie Regen auf Metall.

Neben ihm standen Gestalten. Hoch, schmal, mit Gesichtern, die zu glatt waren, um Augen zu brauchen. Ihre Körper wirkten humanoid, doch jede Bewegung floss zu gleichmäßig, als folge sie einem unsichtbaren Takt. Sie trugen ihn, ohne ihn zu berühren, hinaus aus dem Wrack.

Die Bilder verschwammen.

Als er wieder erwachte, lag er in einer Halle mit Dutzenden Liegen. Auf jeder lag ein Wesen. Manche ähnelten den Gestalten, die ihn geborgen hatten, andere wirkten fremder: Körper aus Schuppen, Haut, die leuchtete, Glieder, die zu viele Gelenke hatten. Sie atmeten langsam, als teilten sie denselben Traum.

An den Wänden flossen Symbole wie Daten, doch sie wirkten wie gemalt. Überall glomm Licht, nicht grell, sondern gedämpft, als ob es selbst Rücksicht nahm.

Kassian setzte sich auf. Die Liege passte sich seinem Körper an, als hätte sie ihn schon gekannt. An der Seite stand ein Gefäß mit Flüssigkeit, die wie Wasser aussah, aber im Inneren schimmerten Muster, als wolle sie ihn beobachten.

Es war surreal und doch vertraut. Die Anordnung der Betten, die Instrumente, selbst die Gänge – alles erinnerte an ein menschliches Krankenhaus, aber perfekter, älter, als sei die Erde nur eine Kopie davon.

Ein Wesen trat an sein Bett. Es sprach nicht, doch eine Stimme erfüllte den Raum. „Orion Medical. Sie sind sicher.“

Kassian wollte fragen, wo er war, doch seine Stimme war schwach. Das Wesen legte eine Handfläche über seine Brust. Kein Druck, nur eine Wärme, die wie Strom durch ihn lief. Seine Muskeln beruhigten sich.

Er sah zu den anderen Liegen. Dort lagen nicht nur Patienten. Manche wirkten, als seien sie schon lange tot, doch die Geräte behandelten sie weiter, als dürfe kein Körper aufgegeben werden.

Kassian verstand, dass er am Leben war, weil sie Gesetze hatten. Nicht, weil sie es wollten.

Die Halle atmete mit ihm. Orion Medical war Krankenhaus und Kathedrale zugleich. Und er wusste, dass er in einer Stadt aufgewacht war, die ihn nicht brauchte, aber behalten würde.

Kapitel 5: Alien Affairs Bureau

Aus Beute wird ein Werkzeug der Hoffnung

Der Gang zum Alien Affairs Bureau war lautlos. Zwei Gestalten führten Kassian durch Korridore, die wie Adern pulsierten. Das Licht an den Wänden bewegte sich in langsamen Wellen, als atmete der Bau selbst. Er spürte, dass jede Bewegung registriert wurde. Kein Schritt war unsichtbar.

Die Halle öffnete sich ohne Türen. Ein Raum von kreisrunder Form, so hoch, dass der Blick den Abschluss nicht fand. Reihen aus gläsernen Sitzen wuchsen aus dem Boden, besetzt von Wesen in unterschiedlichen Gestalten, doch alle trugen dieselbe Ruhe. Über ihren Köpfen schwebten Zeichen, die sich veränderten, wenn sie einander ansahen.

Kassian wurde in die Mitte geführt. Der Boden unter ihm leuchtete, als markiere er eine Akte. Er hob den Kopf, fühlte sich kleiner als je zuvor.

Eine Stimme erhob sich. Sie kam von mehreren Stellen zugleich, doch sie klang einheitlich, kühl und sachlich. „Fallnummer achtunddreißig. Kassian Rief. Gestrandet. Herkunft: Erde. Status: lebend. Anspruch nach Pactum Astralis bestätigt.“

Ein anderes Wesen sprach, mit einer Stimme wie Metall, das langsam bricht. „Sie sind hier geduldet. Ihre Anwesenheit begründet keinen Anspruch auf Rechte, die über den Schutz hinausgehen. Sie dürfen keine Bewohner berühren. Sie dürfen keine Strukturen verletzen. Sie dürfen keine Geräte nutzen, die nicht ausdrücklich zugewiesen sind. Jede Verletzung hebt den Schutz auf.“

Kassian ballte die Fäuste. „Und wenn ich mich nicht daran halte“

Die Antwort kam ohne Verzögerung. „Dann endet Ihre Existenz. Gesetzlich, nicht feindlich. Wir töten nicht. Wir löschen nur, was das Gesetz nicht mehr trägt.“

Ein Raunen lief durch die Halle. Manche Gestalten blickten zu Boden, andere musterten ihn offen, als sei er eine Warnung.

Dann sprach eine Stimme, tiefer, ernster als die anderen. „Erdenbewohner sind für uns gestorben. Eure Kriege, eure Maschinen, eure Gier. Ihr habt die Handschrift vergessen, die wir euch gaben. Ihr habt euch vom Pakt gelöst. Ihr seid nicht mehr Teil von uns.“

Die Worte hallten durch den Raum, schwerer als jedes Urteil.

Kassian atmete scharf ein. „Gestorben“ wiederholte er, kaum hörbar.

„Ja“ sagte die Stimme. „Ihr lebt biologisch. Doch für uns ist die Erde tot. Ihr habt den Vertrag gebrochen, nicht durch einen Akt, sondern durch eure Entwicklung. Krieg ersetzt Bindung. Technik ersetzt Weisheit. Deshalb seid ihr uns fremd geworden.“

Die Halle schwieg. Nur das Licht in den Wänden pulsierte weiter, als notiere es jedes Wort.

Ein Protokollführer verlas die letzten Punkte. „Der Gestrandete erhält Unterkunft. Bewegungsfreiheit innerhalb des zugewiesenen Bereichs. Beobachtung der Stadt ist erlaubt. Kontakt zu Bürgern nur unter Aufsicht. Dauer des Aufenthalts abhängig von den Entscheidungen des Rates.“

Die Lichter über den Köpfen der Anwesenden flackerten kurz, dann erloschen sie.

Die Versammlung war beendet.

Kassian stand allein im Kreis aus Licht, und er wusste: Für diese Welt war er nicht Gast. Er war eine Erinnerung an etwas, das sie längst begraben hatten.

Kapitel 6: Die Hörhalle

Ein Traum hebt ab

Die Stadt öffnete sich nicht wie ein Tor, sondern wie ein Atemzug. Kassian folgte zwei Gestalten durch Gänge, die sich mit jedem Schritt verschoben, als würden sie seine Richtung vorhersehen. An den Wänden liefen Muster, die ihre Farbe änderten, sobald er näherkam. Er wusste, dass er nicht unbeobachtet war.

Die Halle lag im Zentrum wie ein Herz. Kein Stein, kein Metall, sondern Wände, die aus Klang bestanden. Sie schimmerten, als hingen Stimmen darin fest. Der Boden vibrierte in einem Rhythmus, der nicht sein eigener war.

In der Mitte standen zwei Nibiruaner. Ihre Körper glühten, als ob Spannung durch sie floss. Doch sie schrien nicht, sie griffen nicht an. Sie sprachen abwechselnd, aber nie die eigenen Worte. Jeder wiederholte den Standpunkt des anderen, Satz für Satz, bis die Stimmen gleich klangen. Erst dann verlosch das Leuchten, und die Halle beruhigte sich.

Kassian begriff, dass hier niemand gewann. Streit endete erst, wenn keiner mehr verlor.

Neben ihm stand Serin Qa. Ihre Stimme war so ruhig wie die Muster an den Wänden. „So lösen wir jede Auseinandersetzung. Kein Blut. Kein Urteil. Nur das Hören. Die Stadt selbst prüft, ob einer die Wahrheit verschweigt.“

Er wollte etwas erwidern, doch bevor er sprechen konnte, hob eine andere Gestalt die Hand. Der Raum reagierte sofort. Lichter sammelten sich über Kassian, als markierten sie ihn.

Die Stimme kam von allen Seiten zugleich. „Kassian Rief, Gestrandeter von der Erde. Nach Pactum Astralis haben Sie Anspruch auf Gastrecht. Das bedeutet, dass Sie sich in der Stadt bewegen dürfen, solange die Verhandlungen mit Ihrer Heimat andauern.“

Die Muster an den Wänden glühten auf, als würde jedes Wort in sie eingespeichert.

„Sie dürfen beobachten“ fuhr die Stimme fort. „Doch Sie dürfen niemanden berühren. Sie dürfen niemanden ansprechen. Sie dürfen keinen Bürger stören. Wenn Sie gegen diese Regeln verstoßen, verlieren Sie Ihren Schutz.“

Kassian hob den Kopf. „Und ohne Schutz“

Die Antwort kam sofort, kühl und endgültig. „Ohne Schutz sind Sie nichts.“

Die Halle schwieg. Nur die Lichter über ihm flackerten ein letztes Mal, dann verlöschten sie.

Kassian stand allein im Kreis. Für die Nibiruaner war er kein Gast, sondern ein Schatten im Gesetz. Geduldet, weil sie mussten. Fremd, weil er Mensch war.

Kapitel 7: Die Stadt

Das Gefährlichste wohnt oft im Dazwischen

Die Gestalten führten Kassian hinaus aus Orion Medical. Der Weg öffnete sich ohne Türen, Mauern glitten lautlos zurück, als hätte die Stadt seine Schritte längst berechnet. Er trat auf einen Platz, der von Kanälen durchzogen war. Das Wasser glomm in Schattierungen von Blau und Grün, in den Fassaden der Häuser liefen Muster, die sich bei jedem Atemzug veränderten.

Alles wirkte lebendig. Doch alles beobachtete ihn.

Er erinnerte sich an die Worte aus der Hörhalle. Er durfte sich frei bewegen, solange die Verhandlungen mit der Erde andauerten. Aber er durfte niemanden berühren, niemanden ansprechen, niemanden stören. Freiheit in Ketten.

Ein Steg wuchs aus dem Kanal und nahm ihn auf. Der Untergrund war weich, aber stabil, als prüfte er bei jedem Schritt sein Gewicht. Unter ihm glitten Lichter wie Fische, zu regelmäßig, um wirklich Tiere zu sein. Sie formten kurz Figuren und lösten sich wieder auf, als wären sie Nachrichten, die er nicht entziffern konnte.

Am Rand des Platzes standen Nibiruaner in Gruppen. Ihre Körper bewegten sich kaum, doch der Boden vibrierte unter ihnen, wenn sie sprachen. Kassian blieb stehen. Er wollte sie ansprechen, wollte endlich ein Wort wechseln, doch er hörte in seinem Kopf die Regeln. Beobachten ja, berühren nein, ansprechen nein. Er ging weiter.

Die Straßen führten ihn wie Wasseradern. Er entschied nicht, wohin er ging, die Wege entschieden für ihn. Manchmal flüsterte eine Wand, wenn er vorbeikam. Manchmal glühte ein Muster auf, als sei es ein Eintrag in ein unsichtbares Archiv. Die Stadt merkte sich alles.

Dann stoppte ihn ein Summen, das er schon kannte. Es war stärker, deutlicher als im All. Ein Signal, das die Luft füllte wie eine unsichtbare Glocke. Die Gestalten, die ihn begleiteten, hielten inne. Über ihnen öffnete sich der Himmel wie ein Schirm. Symbole erschienen, tanzten, ordneten sich zu Zeilen.

Eine Stimme erklang. Verzerrt, schwach, aber eindeutig menschlich. „Asterion-7, hören Sie uns. Wir empfangen Fragmente Ihrer Position. Bestätigen Sie Status.“

Kassian wollte schreien, wollte antworten. Seine Kehle spannte sich. Doch einer der Nibiruaner hob die Hand, und sofort vibrierte der Boden. Ein Zeichen, dass er schweigen musste.

Die Antwort kam von der Stadt selbst. Eine Stimme ohne Gesicht sprach: „Empfang bestätigt. Gestrandeter Kassian Rief in unserer Obhut. Schutz nach Pactum Astralis gewährt. Wir erwarten Entscheidung über Rückführung.“

Die Verbindung knackte, brach ab, kam wieder. „Wir… prüfen… Verfahren… Zeitfenster…“ Dann nur Rauschen.

Kassian stand starr. Er hatte seine Heimat gehört, aber nicht erreicht. Worte waren durch Glas gedrungen, zu fern, zu schwach. Er war Teil eines Gesprächs, in dem er selbst keine Stimme hatte.

Die Nibiruaner schlossen den Himmel. Symbole lösten sich auf. Der Platz wurde wieder still. Nur die Kanäle rauschten, als sei nichts geschehen.

Serin Qa trat an seine Seite. „Sie sehen, die Erde spricht. Doch nur mit uns. Sie verhandelt nicht mit Ihnen. Sie verhandelt über Sie.“

Kassian ballte die Hände. „Wie lange dauert das“

Serin blickte auf das Wasser, das Muster bildete und sofort wieder löschte. „Solange es dauert. Bis eine Seite den Vertrag bricht. Oder schweigt.“

Die Antwort schnitt tiefer als jedes Urteil.

Kassian ging weiter. Häuser hoben und senkten ihre Wände wie Lungen, Stimmen hingen in Membranen, die den Platz säumten. Alles schien zu leben, alles schien zu hören.

Er wusste jetzt, dass er in einer Stadt stand, die ihn nicht wollte, aber behalten musste. Und dass die Erde ihn sah, aber nicht hören ließ.

Zwischen diesen beiden Schweigen begann seine Einsamkeit neu.

Kapitel 8: Stimmen im Wasser

Ein Versprechen im Chaos

Die Tage in der Stadt verliefen nach einem Rhythmus, den er nicht verstand. Morgens öffneten sich die Fassaden, als ob sie wach wurden. Abends senkten sich die Dächer, als wollten sie schlafen. Kassian war frei, die Wege zu gehen, doch immer schwebte die Erinnerung an das Verbot in seinem Kopf. Beobachten durfte er, reden nicht.

Das Summen kam wieder. Stärker, länger. Diesmal führten ihn die Gestalten nicht in eine Halle, sondern auf einen Platz, dessen Boden aus Wasser bestand. Über der Fläche schwebten Zeichen wie Rauch. Die Verbindung war stabiler.

Eine menschliche Stimme erklang, klarer als zuvor. „Wir haben Ihre Meldungen erhalten. Die Situation des Gestrandeten wird geprüft. Rückführung nicht ausgeschlossen, doch abhängig von logistischen Kapazitäten.“

Kassian spürte, wie sein Herz schneller schlug. Endlich klang es, als sei Hilfe möglich. Doch die Antwort der Nibiruaner war kühler als jede Maschine. „Die Entscheidung muss zeitnah erfolgen. Wir dulden den Gestrandeten unter Schutz. Dauerhafte Verwahrung ist nicht vorgesehen. Pactum Astralis verlangt eine Lösung.“

Es folgte Stille, dann das Rauschen der Erde. „Wir benötigen weitere Daten. Übermitteln Sie medizinische Parameter und Stabilitätswerte. Wir prüfen Optionen.“

Die Verbindung brach ab.

Kassian wollte schreien. Wollte den Himmel anflehen, ihn zu hören. Doch die Wände des Platzes glühten, und er wusste, dass jedes unerlaubte Wort sein Ende wäre.

Später führte man ihn an den Rand der Kanäle zurück. Dort wartete Serin Qa. Nicht im Kreis der Juristen, nicht als Stimme des Protokolls, sondern allein. Die Muster an ihren Armen flossen wie Kartenströme.

„Sie sehen“ sagte sie. „Die Erde spricht, aber nicht mit Ihnen. Nur mit uns. Sie sprechen über Sie, nicht zu Ihnen.“

Kassian sah sie an. „Warum erzählst du mir das. Es ändert nichts.“

„Weil ich wissen will, wie es ist“ antwortete sie leise. „Eure Welt. Eure Städte. Eure Fehler. Alles, was wir nur aus alten Daten kennen. Wir haben gelernt, dass ihr uns verraten habt. Aber ich will wissen, wie es wirklich war.“

Zum ersten Mal seit seiner Ankunft hörte er in einer Stimme kein Gesetz, sondern Neugier.

Sie setzten sich an den Rand des Kanals. Das Wasser strömte leise, spiegelte ihre Körper in verzerrten Linien. Serin sah nicht weg. „Erzähl mir von eurer Erde. Nicht von Kriegen. Von etwas anderem. Von etwas, das lebt.“

Kassian zögerte. Dann sprach er von Regen, der auf Asphalt fiel. Vom Geruch nasser Wälder. Vom Klang von Stimmen in einer Kneipe, wenn niemand mehr nüchtern war. Von all den Kleinigkeiten, die man vergisst, bis man sie nicht mehr hat.

Serin hörte still. Ihre Maske zeigte keine Augen, doch das Wasser zu ihren Füßen glühte, als spiegele es ihr Interesse.

Zum ersten Mal seit seiner Landung spürte Kassian, dass er nicht nur ein Schatten im Gesetz war. Er war ein Mensch, der Geschichten trug. Und jemand hörte zu.

Kapitel 9: Abbruch

Licht zeigt nicht, was es erhellt, sondern was es verrät

Das Signal kam mitten in der Nacht. Die Stadt erwachte sofort. Wände begannen zu leuchten, Kanäle pulsieren, als ob das Wasser selbst horchte. Kassian wurde geweckt, zwei Gestalten führten ihn auf einen Platz, der wie eine Schale aus Glas geformt war. Über ihm öffnete sich der Himmel, Zeichen brannten darin wie flüssige Schrift.

Eine Stimme aus der Ferne erklang. Er erkannte die Codes, das Protokoll, die trockene Sprache der Erde. „Daten empfangen. Rückführung nicht möglich. Risiko zu hoch. Weitere Kommunikation eingestellt. Vorgang abgeschlossen.“

Kassian starrte hinauf. Sekundenlang glaubte er, falsch gehört zu haben. Doch die Stimme wiederholte die Worte. Klar, kühl, endgültig.

Die Nibiruaner antworteten sofort. „Wir nehmen die Entscheidung zur Kenntnis. Schutz endet, sobald der Rat beschließt. Der Gestrandete verbleibt unter unserer Aufsicht.“

Dann verstummte der Himmel. Nur das leise Rauschen blieb.

Kassian stand in der Mitte des Platzes. Alles in ihm drängte zu schreien, zu rennen, zu kämpfen. Aber die Stadt lauschte, und er wusste, dass jedes Wort ihn vernichten konnte. Er senkte den Kopf, spürte, wie etwas in ihm zerbrach.

Die Erde hatte ihn nicht nur vergessen. Sie hatte ihn aufgegeben.

Später, als die Gestalten ihn zurückführten, wartete Serin am Rand des Kanals. Die Muster an ihren Armen glühten schwach, als wären sie erschöpft. Sie sah ihn an, und zum ersten Mal wirkte sie nicht wie Juristin, sondern wie jemand, der zweifelte.

„Jetzt wissen Sie es“ sagte sie leise. „Ihre Welt kommt nicht. Für sie sind Sie tot.“

Kassian presste die Hände zu Fäusten. „Dann war alles umsonst. Das Schiff, die Mission, mein Leben. Alles.“

Serin schwieg einen Moment, dann setzte sie sich ans Wasser. „Vielleicht nicht. Es gibt andere Wege, Orte, Schiffe. Nicht alles gehört dem Rat. Manche Dinge entziehen sich dem Gesetz.“

Kassian sah sie an. „Du meinst Flucht.“

Ihre Maske zeigte keine Regung, doch das Wasser zu ihren Füßen veränderte sein Muster. „Ich meine Wahl. Sie wollten die Erde sehen. Ich will sie auch. Nicht in Daten. Nicht in alten Berichten. Ich will sie mit eigenen Augen sehen.“

Kassian atmete schwer. Zum ersten Mal seit Wochen fühlte er nicht nur Verzweiflung, sondern ein Flackern von Hoffnung. Doch er wusste, dass es gefährlich war. Flucht bedeutete Bruch des Pactum. Und Bruch bedeutete Tod.

Serin beugte sich vor. „Manchmal muss man ein Gesetz brechen, um zu leben.“

Die Stadt lauschte. Aber diesmal schien sie das Gesagte nicht aufzuzeichnen. Das Wasser schwieg, als hätte es Gnade.

Kapitel 10: Rückkehr

Eine verborgene Stadt im ewigen Eis

Die Entscheidung fiel in einer Nacht ohne Himmel. Die Stadt hatte ihre Lichter gedimmt, die Kanäle glühten schwach, als hätten sie den Atem angehalten. Serin führte Kassian schweigend durch Gänge, die sich nur für sie öffneten.

Sie betraten eine Werft am Rand der Stadt. Keine Hallen aus Metall, sondern Strukturen, die wie Muscheln wirkten, halb im Wasser, halb im Licht. Darin lagen Schiffe, klein, organisch, als wären sie aus Haut und Schuppen gewachsen. Jedes reagierte, wenn Serin nähertrat, als erkenne es sie.

„Dieses hört auf Vertrauen“ sagte sie leise. „Nicht auf Befehl. Wenn Sie zweifeln, wird es uns nicht tragen.“

Kassian legte die Hand auf die glatte Oberfläche. Sie pulsierte schwach, wie ein Herz unter dünner Haut. Er spürte, dass das Schiff ihn prüfte, und er zwang sich, nicht zurückzuweichen.

Die Flucht begann ohne Alarm. Die Muschel öffnete sich, das Schiff glitt ins Wasser, dann in den Himmel. Die Stadt blieb zurück, leuchtend und schweigend, als wüsste sie längst, dass dieser Bruch geschehen musste.

Der Aufstieg war ein Rausch. Kein Donner, kein Feuer, nur ein Schub aus Licht, der sie durch die Atmosphäre trug. Sterne öffneten sich vor ihnen, wie Fenster in eine andere Wirklichkeit. Kassian sah zum ersten Mal seit Wochen wieder das All, und es war, als hätte er nie geatmet, bis jetzt.

Die Reise dauerte nicht Tage, nicht Wochen. Das Schiff spannte den Raum wie eine Membran, zog die beiden durch Falten, die er nicht verstand. Kassian wusste nur, dass er nach vorne blickte und die Erde wuchs.

Blau, weiß, grün. Ein Anblick, der schmerzte.

Das Schiff schwebte über den Wolken, dann senkte es sich lautlos. Kein Radar schlug an, kein Mensch bemerkte es. Sie landeten in einer Ebene, verborgen, weit entfernt von Städten. Serin trat hinaus, sah die Erde zum ersten Mal mit eigenen Augen.

„Es ist lauter“ sagte sie. „Rau. Aber lebendig.“

Kassian spürte den Wind, roch den Boden, hörte Vögel in der Ferne. Alles war vertraut, alles war fremd.

Serin veränderte sich. Ihr Körper glitt in eine neue Form, als würde sie Haut ablegen und eine andere anziehen. Binnen Sekunden stand vor ihm eine Gestalt, die menschlich wirkte. Keine Maske mehr, kein Leuchten, nur ein Gesicht, das in jeder Menge verschwinden konnte.

„Ich werde bleiben“ sagte sie. „Nicht sichtbar, nicht erkennbar. Eure Welt gehört auch mir. Vielleicht mehr, als ihr ahnt.“

Kassian wollte etwas erwidern, doch sie ging. Einfach so, in die Ferne, bis sie in den Schatten der Landschaft verschwand.

Er blieb allein zurück. Die Erde breitete sich vor ihm aus, nah und doch unerreichbar. Er wusste, dass er zurückgekehrt war. Und dass er dennoch nie wieder heimisch sein würde.

Die Worte aus Orion Medical hallten in ihm nach: Geduldet, nicht willkommen. Auf der Erde war es nicht anders.

Er sah zum Himmel, wo die Sterne standen. Und ein Gedanke kam ihm, kalt und unausweichlich.

Vielleicht waren sie schon längst hier. Vielleicht hörten sie jetzt zu.

Ende

Nachwort

Diese Geschichte ist kein Anfang. Und kein Ende. Sie ist ein Riss. Ein Blick in einen Verstand, der nur einen Hauch früher gebrochen ist als andere.

Was du hier gelesen hast, war ein Fragment. Ein Echo aus einer Welt, in der die Dunkelheit nicht nur in den Köpfen lauert, sondern im Gewebe der Realität selbst.

Wenn du wissen willst, woher die Angst wirklich kommt. Was die ersten Fäden spannte. Warum sich das Netz aus Fremdheit, Wahnsinn und Infektion über die Welt legt, dann tritt tiefer ein in das Herz der Apokalypse:

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Was, wenn die Sucht nicht im Kopf entsteht, sondern im Universum selbst.

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