Niemand in Metronomia hat je das Licht gesehen.
Die Stadt lebt im Dunkeln. Dicke Seile spannen sich wie ein Spinnennetz von Ring zu Ring und wer nach Hause will, ertastet sie mit den Händen, folgt den Knoten und hört dem Summen zu, das durch sie geht. Jeder Strang klingt anders, jeder Block hat seine eigene Stimme.
Und immer trägt der Schlag des Metronoms durch die Seile, damit niemand den Takt verliert. Metronomia liegt auf einem gewaltigen Plateau, tief im Inneren der Erde.
Acht Ringe umschließen das Herz der Stadt:
Prim > Sekunde > Terz > Quart > Quint > Sext > Septim und Oktave.
Im Zentrum liegt die Prim, am Rand die Oktave. Wer die Ordnung der Töne kennt, kann sich die Stadt wie ein Rad vorstellen. Manche nennen es den Zirkel der Quinten. Wer danach sucht, findet das Muster, das Metronomia trägt.
Wer weitergeht, verlässt irgendwann die letzten Mauern und tritt in das, was sie das Meer nennen. Doch es ist kein Meer aus Wasser, sondern eine Wüste aus Staub und Sand. Dort brechen die Töne auseinander und die Echos kehren verzerrt zurück,
bis schließlich der Boden endet und die Schlucht beginnt, ein Abgrund ohne Ende.
Doch außerhalb des Turms gibt es eine andere Macht. Neben der Stadt wächst das Spitze Haus der Fremden. Niemand weiß, warum es niemals fertig wird. Doch die Fremden erscheinen manchmal, gehen durch die Straßen, prüfen, kontrollieren und niemand wagt, ihnen zu widersprechen.
Im Innern der Stadt schlägt das Metronom. Darüber erhebt sich die Sonne aus Metall – nicht hell, sondern schwarzvergoldet, ein gigantisches Relikt, das Dunkelheit spendet. Sie sieht, doch sie wird nicht gesehen. Niemand weiß, dass sie wacht..
Zwei Wächter sitzen am Turm, zählen jeden Schlag, ohne Unterlass, während der eine schläft, wacht der andere. Aus ihrem Rhythmus erwachsen die Glockenschläge, die Ordnung bringen: Arbeitszeit. Pausenzeit. Freizeit. Schlafenszeit. So vergeht das Leben, Schlag um Schlag, Takt um Takt.
Über die Einhaltung wachen die Klangwächter. Sie patrouillieren durch die Gassen, lauschen auf Stimmen, Schritte, Atemzüge. Wer schweigt, wer stockt, wer aus dem Takt gerät, gerät in Verdacht.
So lebt Metronomia. Eine Stadt ohne Augen, geführt vom Klang. Eine Stadt, in der jeder Bewohner ein Melodiespielwerk trägt, das seine Identität verrät. Eine Stadt, in der niemand schweigen darf, denn Schweigen ist Verdacht und Stille schlimmer als jeder Schrei.
Einmal im Jahr schlug die Glocke nicht nur zum Arbeiten oder Ruhen, sondern in einem besonderen Muster, das jeder sofort erkannte. Dann verwandelte sich der Sekunde-Ring in den Jahrmarkt.
Der Platz bebte vor Stimmen und Stolpern. Der Schwankboden warf sie gleichermaßen durcheinander, ob Sohn eines Priesters oder Tochter eines Brotträgers. Niemand konnte sehen, wer neben ihm taumelte. Alle waren nur Atemzüge, Rufe und Kreischen.
Niemand fragte nach klug oder dumm, nach hoch oder niedrig. Im Dunkel war jedes Lachen gleich hell, jedes Stolpern gleich wahr. Für einen Takt waren sie keine Ringe, keine Schichten, keine Gehorchenden. Sie waren nur Stimmen im Chor.
Dann schlug die Glocke wieder, fester und ernster und die Kinder kehrten zurück an die Seile. Die Steine mussten weitergetragen werden. Doch in den Gassen blieb ein Nachhall, wie ein Versprechen, dass auch Freude im Takt wohnen durfte.
Und über allem lauern die Echolots. Sie hängen in der Schwärze, warten reglos, bis ein Atemzug die Stille bricht. Sie kreisen lautlos über den Seilen, dann entfalten sie den Klang – ein einziger Schwung aus Leder und Schrei – und reißen, was sich verirrt.
Doch nicht alle folgen dem Takt der Stadt. Es gibt einen, der anders ist.
Sein Name ist Orvian, und er beginnt zu ahnen, dass es mehr geben muss als den Takt und die Dunkelheit.