Metzgerei
Ein Legacy-Schauplatz, der Körper, Nahrung und Verarbeitung schon in der frühen Fassung unmittelbar nebeneinanderstellte. Jordan Bennett schritt mit schnellen, fast panischen Schritten durch die düsteren...
Ein Legacy-Schauplatz, der Körper, Nahrung und Verarbeitung schon in der frühen Fassung unmittelbar nebeneinanderstellte.
Jordan Bennett schritt mit schnellen, fast panischen Schritten durch die düsteren Gassen des verlassenen Dorfes. Die Stille war unnatürlich, bedrückend, als hätte sie ein eigenes Bewusstsein, das ihn beobachtete, verfolgte. Über ihm spannte sich ein wolkenverhangener Himmel, aus dem gelegentlich kalter Regen fiel, der die Pflastersteine in ein mattes Grau tauchte. Jeder Schritt hallte zu laut wider. Ein Vorbote dessen, was noch kommen sollte.
Er wusste nicht genau, was ihn hierher geführt hatte, nur, dass er Antworten brauchte. Und Antworten gab es nur an dunklen Orten.
Seine Schritte brachten ihn vor eine abgelegene Metzgerei. Sie gehörte zur berüchtigten Space-Food-Kette, einer Organisation, deren Name in verschwörerischen Foren und unter Verschwörungstheoretikern ein flüsternes Grauen hervorrief. Man sagte, ihre Fleischwaren stammten nicht von herkömmlichen Quellen. Man sagte, sie hätten Lieferanten, die nicht menschlich waren.
Jordan spürte, wie sich ein Kloß in seiner Kehle bildete, während sein Blick über die schummrige Fassade glitt. Verwitterte Schilder hingen schief, eingerahmt von rostigen Eisenbahnschienen. Hinter den dunklen Fenstern bewegten sich Schatten unnatürlich langsam, als würden sie ihn beobachten.
Plötzlich riss ihn ein Tumult aus seinen Gedanken. Eine aufgebrachte Menge hatte sich vor der Metzgerei versammelt. Ihre Stimmen hallten durch die Straßen, auf ihren Schildern prangten blutrote Botschaften:
„KEINE EXPERIMENTE AM FLEISCH!“„STOPPT SPACE-FOOD!“
Ein Mann in der Menge fiel ihm besonders auf. Carter Anderson. Seine Augen funkelten wahnsinnig, als er aufgebracht rief:
„Diese Metzgerei ist nur die Spitze des Eisbergs! Sie beliefern nicht nur den lokalen Markt sie versorgen sogar Imbissstände in der Antarktis! Und das ist nicht einfach nur Fleisch das ist ein abscheuliches Verbrechen!“
In Jordans Gedanken kreisen plötzlich die leckeren Spieße aus der Antarktis.
Dann wurde es offenbar.
Die Menschen protestierten nicht einfach nur gegen eine Metzgerei. Sie protestierten gegen eine grausame Realität, die sich in den Schatten abspielte.
Hier, in der Gegend von Satellite City, hatte die Interstellar Police Department (I.P.D.) gerade drei Frauen aus einer unterirdischen Menschenfarm gerettet. Drei von Hunderten. Drei, die man gemästet, aber nicht für Fleisch gehalten hatte sondern für etwas viel Schlimmeres.
„Diese Frauen wurden nicht gegessen,“ rief Anderson. „Sie wurden geerntet!“
Anderson erzählte weiter: „Die Frauen waren mit Hormonen vollgepumpt worden, damit sie schneller und in größerer Menge Eier produzierten. Diese wurden ihnen regelmäßig entnommen und verkauft. An Labore. An reiche Paare, die sich Kinder wünschten. Und an andere … an Wesen, über die niemand sprach.
Die I.P.D. hatte nach monatelangen Verhandlungen und der Zahlung eines massiven Lösegeldes drei von ihnen befreit. Aber die anderen? Sie blieben dort. Vergessen in einem System, das keine Fragen stellte.
„Sie haben uns angelogen!“ schrie eine Frau aus der Menge. „Sie haben uns gesagt, es seien freiwillige Leihmütter! Sie haben ihnen Cosmic Coins versprochen!“
Aber es war keine Leihmutterschaft. Es war ein industrieller Brutbetrieb.“
Jordan fühlte, wie ihm schlecht wurde. Das war kein Zufall. Nichts davon war zufällig.
Die Frauen waren mit einer gefälschten Anzeige gelockt worden. Sie sollten Leihmütter werden, ein neues Leben mit Wohlstand und Sicherheit beginnen. Doch als sie in Satellite City ankamen, wurden sie in ein Areal gebracht, umgeben von hohen Mauern. Darin vier große Gebäude. In diesen Gebäuden mindestens 100 Frauen.
Die, die jetzt frei waren, hatten ausgesagt. Sie erzählten von langen Korridoren, in denen Frauen lagen, verdrahtet an Maschinen, die sie mit Hormonen vollpumpten. Sie erzählten von gläsernen Operationssälen, in denen jeden Monat der gleiche Alptraum geschah: Die Frauen wurden betäubt. Ihre Körper geöffnet. Ihre Eizellen geerntet.
Aber nicht für Menschen. Man hatte Spuren gefunden. Dokumente. Logbücher mit Empfängern, die nicht auf der Erde existierten. Die meisten Eizellen gingen an Labore, die Versuche durchführten, über die niemand reden wollte. Doch einige waren an Abnehmer verkauft worden, die niemand kannte. Wer auch immer sie waren sie waren nicht menschlich.
Und die I.P.D.? Sie hatte verhandelt. Sie hatte bezahlt. Sie hatte drei Frauen befreit und war dann gegangen. „Wir wissen, dass sie noch dort sind!“ rief Anderson. „Aber niemand tut etwas! Niemand stoppt sie!“
Jordan atmete schwer. Er hatte über dunkle Dinge geschrieben. Über geheime Projekte und versteckte Wahrheiten. Aber das hier war real.
Die Interstellar Police Department war nicht das, was sie vorgab zu sein. Und Space-Food war nicht nur eine Metzgerei. Sie waren Teil eines Systems, das die dunkelsten Ecken der Realität veränderte.
Ein Flüstern ging durch die Menge. Eine Bewegung im Schatten der Metzgerei
Fasziniert von der Mischung aus Furcht und Neugier, schloss sich Jordan der Gruppe an. In einem intensiven Flüstergespräch enthüllte Carter, dass niemand jemals das verbotene Herzstück die gigantische, abgeschottete Fabrik betreten durfte, in der das eigentümliche Fleisch hergestellt wurde. Eine Gänsehaut kroch unaufhaltsam über Jordans Arme, während düstere Gedanken in seinem Kopf wuchsen.
Im Innern der Metzgerei
Ein Hort des Grauens
Trotz der warnenden Worte trieb ihn sein unstillbarer Entdeckerdrang in die finstere Metzgerei hinein. Kaum hatte er die knarrende Holztür geöffnet, umfing ihn eine Atmosphäre, die an längst vergessene Horrorgeschichten erinnerte. Der modrige Geruch von altem, kaltem Fleisch mischte sich mit einem schwer greifbaren Hauch von Gewürzen und verbranntem Rauch, der aus der Tiefe der dunklen Ecken emporstieg. Die schwach leuchtenden Lampen warfen bizarre Schatten an die Wände, die wie lebendige Wesen zu pulsieren schienen.
Aus den Schatten trat plötzlich Blake Harrison hervor, ein schmieriger Verkäufer mit einem unheimlichen Lächeln, das seine Worte fast schon höhnisch klingen ließ:
„Willkommen in unserer Metzgerei, mein Freund. Wir sind die berühmt-berüchtigten Hersteller des Space-Food-Fleischs. Du hast sicherlich schon von uns in den alternativen Medien gehört.“
Die Protestierenden blieben zurück, versammelt unter flatternden Bannern, ihre Gesichter angespannt im schwachen Licht der Taschenlampen. Die Luft vibrierte vor Wut und Angst. Jordan, getrieben von einer Mischung aus Neugier und Unbehagen, hatte sich von der Gruppe gelöst. Blake, der Anführer der Protestaktion, stand am Rand eines rostigen Tors, halb verborgen im Schatten der Industrieanlage.
„Was ist das für ein Ort?“, fragte Jordan, seine Stimme gedämpft, als könne sie das Dunkel aufscheuchen.
Blake sah ihn nur kurz an. Dann ein knappes Kopfnicken hin zu einem schmalen, kaum beleuchteten Gang, der ins Innere der Fabrik führte.
„Du willst es wissen? Dann geh da rein. Aber komm nicht zurück, wenn du gesehen hast, was da drin passiert.“
„Die große Fabrik liegt gleich hinter diesem Gang. Von dort aus speisen wir die ganze Welt und noch viel mehr. Doch sei gewarnt: Was du dort siehst, wird jegliche Vorstellungskraft sprengen.“
Während er diesen Worten lauschte, entdeckte Jordan an einer kalten, steinernen Wand den abgewetzten Schädel eines Rinds ein Relikt, das den Anschein eines Jahrtausende alten Fundes hatte. Mit zittriger Stimme fragte er:
„Was ist das?“
Blake beugte sich nah heran, als wolle er ein düsteres Geheimnis teilen, doch bevor er antworten konnte, durchbrach eine tiefe, eindringliche Stimme das unheimliche Gespräch.
Der Schatten des Besitzers. Dylan Cooper, der undurchschaubare Besitzer der Metzgerei, trat mit schweren Schritten in den Raum. Seine Augen, tief und schwarz wie ein Abgrund, bohrten sich in Jordans Seele. Kalt und autoritär sagte er:
„Aber Blake, das interessiert unseren Gast nicht. Gib ihm, was er verlangt.“
Jordan beugte sich über den Tisch, auf dem der abgewetzte Rindskopf lag. „Was genau ist das?“ fragte er, die Stirn in Falten gelegt.
Dylan antwortete leise, fast ehrfürchtig: „Nicht einfach nur ein Knochenfund. Der Schädel wurde in einer Schicht entdeckt, die mindestens 6000 Jahre alt ist. Kein Scherz. Wir reden hier über ein Relikt aus einer Zeit, bevor es überhaupt Schrift gab.“
Jordan runzelte die Stirn. „Und was ist das da?“ Er deutete auf das Loch, das perfekt rund durch den Schädel ging.
Dylan sah ihn lange an, bevor er weitersprach. „Genau das ist das Seltsame. Dieses Loch… das ist kein natürlicher Schaden. Kein Speer, kein Pfeil, kein Steinwurf kann so etwas verursachen. Die Wunde ist zu glatt. Zu präzise. Als ob sie mit…“ er zögerte „…einer Kugel gemacht wurde. Eine moderne Kugel.“
Jordan erstarrte. „Du meinst… wie ein Revolverschuss?“
„Ja.“ Dylan nickte langsam. „Und das ist es, was allen Angst macht. Weil es nicht nur unlogisch ist es passt nicht in unsere Geschichte. Als würde sich da jemand mit Technik eingemischt haben, die es damals noch gar nicht geben durfte.“
Blake, der blasse Verkäufer mit der glitschigen Stimme, beugte sich verschwörerisch vor. „Es gibt noch mehr davon“, flüsterte er. „Andere Schädel. Ältere. Tief unter der Fabrik… Sie reden manchmal in Träumen. Oder im Fleisch.“
Jordan wich unmerklich zurück. Etwas in Blakes Stimme war gekippt. Der Raum wirkte enger. Heißer. Der Geruch von altem Blut lag schwer in der Luft.
Dann ein Dröhnen. Erst fern, dann näher. Schritte. Viele.
Ein Schrei. Ein Aufprall. Die Tür barst.
Splitter flogen durch die Luft, als Carter Anderson wie ein Sturm in den Laden krachte, gefolgt von den Protestierenden. Ihre Gesichter wütend, entschlossen, voller Ekel. Carter brüllte: „Hände weg von den Eiern, Blake!“
Der Verkäufer fuhr herum, fauchte wie ein Tier. Jordan zuckte zusammen. Plötzlich war er wieder mittendrin. Doch diesmal nicht als Beobachter. Sondern als Teil des Aufstands.
“Genug der Lügen! Wir holen die Wahrheit ans Licht!”
Die Demonstranten waren keine friedlichen Aktivisten mehr. Sie waren jetzt maskiert, mit Metallstangen, improvisierten Keulen und sogar brennenden Fackeln bewaffnet. Ein dumpfer Knall hallte durch den Verkaufsraum, als eine Flasche auf dem Boden zerschellte und eine Stichflamme den Tresen erfasste. Die Luft roch nach Benzin und brennendem Fett.
Blake schrie auf, doch kam nicht weit. Drei der Vermummten warfen ihn zu Boden und traten auf ihn ein, bis sein Gesicht nur noch ein blutiges, aufgedunsenes Etwas war. Seine Schreie wurden von einem Schlag mit einem Vorschlaghammer beendet, der seinen Unterkiefer wie Glas zerbersten ließ.
Dylan wollte fliehen, aber zwei Demonstranten packten ihn, schleiften ihn über den Boden, rissen ihm die Fleischerschürze vom Leib und schlugen mit einem Beil auf seine Beine ein. Knochen knackten, Blut spritzte in langen Fontänen auf die weiß gekachelten Wände. Sein Gebrüll wurde von der johlenden Menge verschlungen.
Jordan spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. In einem leisen, fast schon verzweifelten Ton fragte er noch: „Dylan, erzähl mir mehr von dieser Fabrik. Wo genau führt sie hin? Wer bekommt das Space-Food?“
Doch die Antwort kam nicht mehr. Nur ein Gurgeln.
Jordan riss sich los und rannte, weggeduckt, durch eine Tür am Ende des Raumes, die halb in der Wand verborgen war. Er fand sich in einem Gang wieder, der wie der Kühlschrank eines Alptraums wirkte. Blut tropfte von der Decke, überzählige Körperteile hingen an Haken, einige noch warm, andere in einem Zustand des Verfalls, der kaum mit Worten zu beschreiben war.
Die Fliesen unter seinen Füßen waren glitschig, mit Blut, mit Fett, mit Dingen, deren Konsistenz sich nicht einordnen ließ. Die Leuchtstofflampen flackerten, einige glommen nur noch rötlich. Die Schatten an den Wänden bewegten sich, auch wenn Jordan sich nicht bewegte.
Hinter ihm hallte ein weiterer Schrei, gefolgt von einem Knochenbruch, einem dumpfen, fleischigen Aufprall. Die Demonstranten verfolgten ihn vielleicht nicht direkt, aber die Gewalt, die sie entfesselt hatten, kroch wie ein lebendiges Wesen durch das Gebäude.
Jordan rannte weiter. Er wusste nicht wohin. Nur weg. Immer weiter durch die blutigen Gänge, tiefer in den Verdauungstrakt dieses verdorbenen Ortes, in dem das Space-Food geboren wurde. Was er auf der anderen Seite finden würde, wusste er nicht. Aber was er zurücklassen musste, hatte sich für immer in sein Gedächtnis eingebrannt.





